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Meditation in Bewegung – Vom Wing / Tsun zum Zen
Beim Wort Meditation denkt jeder an irgendwelche Gurus oder Mönche, die in, für die meisten westlichen Menschen nur schwer nachzumachenden, Positionen (Lotussitz) still sitzen. Es gibt aber auch dort eine Meditation in der Bewegung. Die wenigsten wissen, daß auch die Sitzungen der Zenmönche von einer bestimmten Art des Gehens (Kinin) und von Arbeit unterbrochen werden. Auch die japanischen Kriegskünste (Budo) gelten unstrittig als Zen-Kunst.
Im Westen wird der Zen-Zustand des Bewußtseins seit langem erforscht, typisch ist eine auf dem EEG (Ein Gerät, das die Ströme im Gehirn mißt) erkennbare, niedrige Frequenz der Gehirnwellen. Es herrschen die sogenannten Alpha-Schwingungen vor, die auf eine große geistige Ruhe mit sehr geringen Störungen deuten. Der gleiche Zustand ließ sich auch bei guten Tennisspielern nachweisen. Die Annahme, daß dies auch zumindest Phasenweise beim Wing / Tsun-Training der Fortgeschritten stattfindet, halte ich für begründet. Leider sind EEG-Geräte sehr teuer und es existiert in wissenschaftlichen Kreisen kein Interesse an der Erforschung von Kampfkunst, so daß der konkrete Beweis nicht erbracht werden kann. Mehr dazu läßt sich bei H. Tiwald (Psycho-Training im Kampf- und Budo-Sport, Verlag Ingrid Czwalina) nachlesen.
Die folgenden Ausführungen beziehen sich zwar nicht konkret auf Kampfkunst, sind jedoch mühelos auf das übertragbar, was im Wing / Tsun-Training, wenn es gerade optimal läuft, stattfindet. Hier findet sich auch ein Antwort auf die Frage, warum ernsthafte Kampfkünstler immer besser werden wollen, unabhängig von Verteidigungsfähigkeit, Graduierungen oder Wettkampferfolgen. Das Training macht nur dann richtig Spaß (es fließt), wenn die Übung an der Obergrenze der Leistungsfähigkeit (nicht der körperlichen Leistungsfähigkeit im Sinne von Kraft und Kondition!!) vollzogen werden. Die Übung, die schon gut beherrscht wird, ist zu einfach, die Konzentration wird nicht voll gefordert. Es fließt nicht. Nur die Erweiterung der eigenen Grenzen, die Meisterung schwieriger Aufgaben, vermittelt die tiefe innere Ruhe, die meditative Geisteshaltung, die den Lohn in sich selbst enthält. Hier geschieht volle Konzentration von selbst. Im Sinne dieser Definition sind auch einfache Wing / Tsun-Übungen schwierige Aufgaben, da die Einstellung und Anpassung an den Trainingspartner hohe Anforderungen stellt.
Fließen: Die Meditation in der Spitzenleistung
Ein Komponist beschreibt die Phasen seiner Arbeit, in denen er in Höchstform ist:
»Man ist in einem derart ekstatischen Zustand, daß man fast das Gefühl hat, nicht zu existieren. Ich habe das immer wieder erlebt. Meine Hand scheint nicht zu mir zu gehören, und mit dem, was da geschieht, habe ich nichts zu tun. Ich sitze einfach in einem Zustand ehrfürchtigen Staunens da und schaue zu. Und es fließt von ganz allein. «
Seine Schilderung ähnelt bemerkenswert dem, was Hunderte von Männern und Frauen - Felskletterer, Schachmeister, Chirurgen, Basketballspieler, Ingenieure und Manager, ja sogar Registraturangestellte - erzählen, wenn sie davon berichten, wie sie sich in einer Lieblingsaktivität selbst übertroffen haben. Mihaly Csikszentmihalyi, der Psychologe von der Universität Chicago, der solche Schilderungen von Spitzenleistungen in zwanzigjähriger Forschung zusammengetragen hat, nennt den Zustand, den sie beschreiben, »Fließen«. Sportler kennen diesen begnadeten Zustand, in dem die Höchstleistung mühelos wird, während Zuschauer und Konkurrenten in einem seligen, nicht endenden Aufgehen im gegenwärtigen Augenblick verschwinden, als »den Bereich« [»the zone«]. Diane Roffe-Steinrotter, die bei der Winterolympiade 1994 eine Goldmedaille im Skilaufen gewann, sagte hinterher, sie könne sich an nichts erinnern, außer daß sie ganz in Entspannung versunken gewesen sei: "Ich fühlte mich wie ein Wasserfall".
Sich auf das Fließen einlassen zu können, ist die höchste Form von Meditation und Konzentration; Fließen ist vielleicht das Äußerste, wenn es darum geht, die Emotionen in den Dienst der Leistung und des Lernens zu stellen. Beim Fließen sind die Emotionen nicht bloß beherrscht und kanalisiert, sondern positiv, voller Spannung und auf die vorliegende Aufgabe ausgerichtet. Wer in der Langeweile der Depression oder der Erregung der Angst gefangen ist, der ist vom Fließen ausgeschlossen. Dabei ist das Fließen (oder ein sanfteres »Mikro-Fließen«) eine Erfahrung, die fast jeder dann und wann macht, besonders wenn man Höchstleistungen vollbringt oder seine bisherigen Grenzen überschreitet.
Das ist eine wunderbare Erfahrung: Kennzeichen des Fließens ist ein Gefühl spontaner Freude, ja sogar der Verzückung. Das Fließen trägt, weil es sich so gut anfühlt, seinen Lohn in sich. Es ist ein Zustand, in dem man ganz in dem aufgeht, was man tut, ihm seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt, wo das Bewußtsein nicht mehr vom Handeln getrennt ist. Das Fließen wird sogar unterbrochen, wenn man allzu sehr darüber nachdenkt, was geschieht - der bloße Gedanke »Das mache ich wunderbar« kann das Gefühl des Fließens zerstören. Die Aufmerksamkeit wird dermaßen konzentriert, daß man nur noch den schmalen Wahrnehmungsbereich wahrnimmt, der mit der unmittelbaren Aufgabe zusammenhängt, und Zeit und Raum vergißt. Diese Meditation in der Bewegung fällt mir sehr leicht, der gleiche Zustand läßt sich von mir bei einer stillen Meditation, im Sitzen ohne Aufgabe, nur sehr schwer erreichen.
Ein Chirurg erinnerte sich zum Beispiel an eine schwierige Operation, bei der er im Zustand des Fließens war. Als sie vorüber war, bemerkte er Schutt auf dem Boden des Operationssaals, und er fragte, was passiert sei. Zu seiner Verblüffung berichtete man ihm, daß, während er so in die Operation vertieft war, ein Teil der Decke heruntergekommen sei -er hatte nichts davon bemerkt.
Das Fließen ist ein Zustand der Selbstvergessenheit, das Gegenteil von Grübeln und Sorgen: Statt sich in aufgeregten Gedanken zu verlieren, gehen Menschen im Zustand des Fließens so vollständig in der vorliegenden Aufgabe auf, daß sie jegliches Bewußtsein von sich selbst verlieren und die kleinen Alltagssorgen - Gesundheit, Rechnungen, sogar der Erfolg - von ihnen abfallen. Erlebnisse des Fließens sind in diesem Sinne ichlos. Paradoxerweise zeigen Menschen beim Fließen eine meisterhafte Kontrolle dessen, was sie tun, und ihre Reaktionen sind vollkommen auf die wechselnden Anforderungen der Aufgabe eingestellt. Und obwohl Menschen im Zustand des Fließens ihre Höchstleistungen vollbringen, kümmert es sie nicht, wie sie abschneiden, denken sie nicht an Erfolg oder Versagen - es ist die reine Freude am Tun, was sie motiviert.
Es gibt mehrere Wege, in den Zustand des Fließens einzutreten. Einer besteht darin, seine volle Aufmerksamkeit bewußt auf die vorliegende Aufgabe zu konzentrieren - ein hochgradig konzentrierter Zustand ist das Wesen des Fließens. Am Eingang zu diesem Bereich scheint es eine Rückkoppelung zu geben: Es kann beträchtliche Mühe kosten, hinreichend ruhig und konzentriert zu werden, um mit der Aufgabe zu beginnen - dieser erste Schritt erfordert einige Disziplin. Hat sich die Konzentration aber einmal eingestellt, so gewinnt sie eine eigene Kraft, die zum einen von emotionaler Unruhe befreit und zum anderen die Aufgabe mühelos werden läßt.
Man kann auch dadurch in diesen Zustand gelangen, daß man eine Aufgabe findet, in der man bewandert ist, und sich in einem Maße darauf einläßt, das die eigenen Fähigkeiten ein wenig auf die Probe stellt. Csikszentmihalyi erklärte mir dazu: »Am besten scheinen sich die Menschen zu konzentrieren, wenn sie ein bißchen stärker als gewöhnlich gefordert werden und wenn sie mehr als gewöhnlich geben können. Werden sie zu wenig gefordert, langweilen sie sich, sind sie den Anforderungen nicht gewachsen, werden sie ängstlich. Das Fließen ereignet sich in dem heiklen Bereich zwischen Langeweile und Angst. «
Die spontane Freude, das Engagement und die Effektivität, die für das Fließen charakteristisch sind, lassen sich nicht in Einklang bringen mit emotionalen Entgleisungen, bei denen limbische Aufwallungen den Rest des Gehirns mit Beschlag belegen. Im Zustand des Fließens ist die Aufmerksamkeit entspannt und dennoch hochkonzentriert. Es ist eine Konzentration ganz anderer Art, als wenn wir uns, müde oder gelangweilt, um Aufmerksamkeit bemühen oder wenn aufdringliche Gefühle wie Angst oder Zorn unsere Aufmerksamkeit fesseln. Das Fließen ist ein Zustand ohne störende Emotionen; das einzige, was man empfindet, ist ein unwiderstehliches, hochgradig motivierendes Gefühl milder Ekstase.
Diese Ekstase scheint ein Nebenprodukt der hochgespannten Konzentration unserer Aufmerksamkeit zu sein, die eine Voraussetzung des Fließens ist. In der klassischen Literatur meditativer Traditionen werden Zustände beschrieben, in denen das gänzliche Aufgehen in der Kontemplation als reine Glückseligkeit erfahren wird: ein Fließen, das durch nichts anderes erzeugt wird als durch intensive Konzentration. Wenn man einen Menschen im Zustand des Fließens beobachtet, erhält man den Eindruck, als sei das Schwierige leicht; die Höchstleistung erscheint als etwas Natürliches und Gewöhnliches.
Dieser Eindruck findet seine Entsprechung im zerebralen Geschehen, wo sich ein ähnliches Paradoxon abspielt: Die schwierigsten Aufgaben werden mit minimaler geistiger Energie erledigt. Beim Fließen befindet das Gehirn sich in einem »gelassenen« Zustand, Erregung und Hemmung seiner neuralen Schaltungen sind auf die Forderungen des Augenblicks abgestimmt. Wenn Menschen sich mit Tätigkeiten befassen, die mühelos für eine Weile ihre Aufmerksamkeit fesseln, »beruhigt sich« ihr Gehirn in dem Sinne, daß die kortikale Erregung nachläßt
Das ist eine bemerkenswerte Entdeckung, wenn man bedenkt, daß das Fließen den Menschen erlaubt, die schwierigsten Aufgaben anzugehen, ob es nun darum geht, gegen einen Schachmeister zu spielen oder ein kompliziertes mathematisches Problem zu lösen. Man würde ja erwarten, daß solche schwierigen Aufgaben eine erhöhte und nicht eine geringere kortikale Aktivität erfordern. Es ist aber ein wesentliches Merkmal des Fließens, daß es nur im Umkreis des Gipfels der Fähigkeit stattfindet, wo die neuralen Schaltungen am effizientesten sind.
Eine angestrengte, von Sorge angefachte Konzentration führt zu einer erhöhten kortikalen Aktivität. Der Bereich des Fließens und der optimalen Leistung scheint dagegen eine Oase kortikaler Effizienz zu sein, wo nur ein Minimum an geistiger Energie verausgabt wird. Das leuchtet ein, wenn man an die eingeübte Geschicklichkeit denkt, dank derer man in den Zustand des Fließens gelangen kann: Wenn man die einzelnen Schritte einer Aufgabe gemeistert hat, sei es eine physische wie das Felsklettern oder eine geistige wie das Computerprogrammieren, kann das Gehirn sie effizienter ausführen. Längst eingeübte Bewegungen erfordern weit weniger Hirntätigkeit als solche, die man gerade erst erlernt oder die noch zu schwierig sind. Wenn das Gehirn aufgrund von Erschöpfung und Nervosität, wie sie am Ende eines langen, aufreibenden Tages vorkommen, weniger effizient arbeitet, verwischt sich die Präzision der kortikalen Aktivität, weil allzu viele überflüssige Bereiche aktiviert sind - ein neuraler Zustand, der als hochgradige Beunruhigung erlebt wird. Dasselbe passiert bei Langeweile. Wenn das Gehirn aber mit höchster Effizienz arbeitet wie im Zustand des Fließens, besteht eine präzise Relation zwischen den aktiven Arealen und den Anforderungen der Aufgabe. |