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Am 1.November 1981 begann ich mit Kampfsport.
Ich war immer schon körperlich sehr aktiv. Als Kind begeisterte ich mich fürs Radfahren, als Jugendlicher mit 16 galt mein Interesse dem Motorrad-Geländesport. Mit 18 verlor ich aber das Interesse daran und legte mir auch kein anderes Hobby zu. Nach einiger Zeit entwickelte sich in mir aber wieder das Bedürfnis, etwas körperlich zu machen. Eine Kampfsportart erschien mir am nützlichsten, da ich der Meinung war, daß mir so etwas auch außerhalb der Trainingshalle unter Umständen weiterhelfen könnte.
Als Kind hatte ich, wie alle anderen, durchaus Raufereien in der Schule, aber in eine richtige Schlägerei war ich nur einmal verwickelt, und das war lange vorher. Sicher hatte ich auch die Vorstellung, als guter Kämpfer mein Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein zu verbessern.
Ich begann auf Empfehlung eines Freundes mein Training in der Schule Dynamic Karate. Lehrer dort war Großmeister Udo Zillner, 5. Dan. Offiziell wurde dort Taekwon-Do unterrichtet, es wurden auch Schülergrade und Dan-Graduierungen im Taekwon-Do abgenommen. Tatsächlich war es aber eine Mischung von Kampfsystemen. Es wurde aber kein reguläres Taekwon-Do Sparring gemacht, sondern für Wettkämpfe im Leichtkontakt-Kickboxen trainiert.
Zur Information. Es gibt drei Taekwon-Do Weltverbände mit drei verschiedenen Wettkampfarten. In den Black-Belt-Centern Kwon Che Wha wird Sparring ohne Kontakt und Schutzausrüstung geübt. Die International Taekwon-Do Föderation (ITF) macht Sparring ähnlich dem Leichtkontakt-Kickboxen, mit Boxhandschuhen und Fußschützern. Dieser Verband wird vom Taekwon-Do Begründer unterstützt. Hier gibt es aber nur wenig Wettkämpfe. Die World Taekwondo Föderation (WTF) macht Vollkontaktwettkämpfe ohne Hand- und Fußschützer, dafür mit Schutzwesten und Helmen. Hier sind aus Sicherheitsgründen Fauststöße zum Kopf verboten. Dies ist wohl der größte Verband, mit den meisten Wettkämpfen, der mittlerweile auch olympische Disziplin ist. Allen drei ist gemeinsam, daß Treffer nur auf der Vorderseite des Körpers oberhalb der Gürtellinie mit Hand oder Fuß erlaubt sind.
Wie alle fleißigeren Kämpfer dieser Schule nahm ich dann an etlichen Leichtkontaktwettbewerben teil, aber mein Ehrgeiz hielt sich in Grenzen. Alle drei Monate legte ich eine Schülergradprüfung ab, wie es üblich war, ohne weiter darüber nachzudenken. Die ersten paar Jahre habe ich überhaupt nicht nachgedacht, auch keine Bücher über Kampfkunst gelesen oder viel darüber gesprochen, ich habe, getreu der Zen-Weisheit; "Machen, nicht Denken", Gemacht. Ich vertraute meinem Trainer und dem Taekwon-Do.
Obwohl ich sehr fleißig trainiert habe, war ich auch nach mehreren Jahren mit meiner eigenen Kampfkraft nicht zufrieden. Ich begann, Nachzudenken. Mir fehlte das Vertrauen in die gelernten Techniken. Ich hatte Angst vor einem starken, aggressiven Gegner, der mit den Leichtkontakt-Kampftechniken, wo jede Berührung als Punkt gewertet wird, sicher nicht auszuschalten wäre. Zwar erzählten mir Schüler, die wesentlich schlechter warten als ich, von massenhaft gewonnen Straßenkämpfen, aber das konnte mich nicht beruhigen.
In Training und Wettkampf wurde jede Berührung als Treffer und als Punkt gewertet, der Kampf wurde abgebrochen und nach der Wertung durch die drei Punktrichter neu gestartet, ich machte mir Sorgen um das, was in der Selbstverteidigung geschehen würde, wenn kein Kampfrichter unterbricht, sondern der Gegner weitermacht.
Vor allem hatte ich Angst vor dem Nahkampf. Es wurde im Leichtkontakt immer auf große Distanz gekämpft, man ging mit einer schnellen und langen Technik, die die Länge von Arm oder Bein voll ausnützte, in den Gegner hinein und sofort wieder zurück. Bevorzugte Verteidigung war nach hinten ausweichen. Dadurch kam es selten zu aufeinanderfolgenden Techniken.
Deshalb habe ich eine Kampfmethode gesucht, in der mit mehr Nahkampf und Folgetechniken gearbeitet wird. So etwas erschien mir realistischer. Ich wollte nie Kampfkunst als Selbstzweck betreiben, mir ging es immer nur um die Selbstverteidigung. In meiner Schule gab es zwei Kämpfer, die hoch angesehen waren, da sie mit Erfolg an Vollkontaktwettkämpfen teilgenommen hatten. Einer war sogar deutscher Vizemeister, Ich habe auch mit diesen Sparring gemacht. Obwohl wir nur Leichtkontakt kämpften, habe ich sofort gemerkt, daß diese Leute aus einem anderen Holz geschnitzt waren. Sie zeigten keinerlei Trefferwirkung und wirkten viel sicherer. Gegen einen solchen Gegner sah ich keine Chance.
Deshalb entschloß ich mich, auch im Vollkontakt zu kämpfen. Ich erwartete, daß ich dann endlich mit mir zufrieden sein würde. Leider konnte ich dafür nicht trainieren, da diese beiden nur selten bei uns im Training waren und sonst niemand aus meiner Schule Vollkontakt kämpfen wollte. Es war allen zu hart. So fuhr ich im November 1984 auf meinen ersten Vollkontaktwettkampf, nur von einem Freund begleitet, der nichts von Kampfsport verstand.
Das Ergebnis war niederschmetternd. Ich dachte, es wäre so, wie meine bisherigen Leichtkontaktwettkämpfe. Aber hier wurde ich in der ersten Runde niedergeschlagen. Ich war nicht bewußtlos, aber mein Kopf dröhnte so, daß ich auf das Aufstehen verzichtete und mich auszählen ließ. So etwas habe ich nicht erwartet. Hier wurde ja richtig ernst gemacht. 1985 habe ich dann noch zwei Kämpfe durch Abbruch oder Aufgabe in der ersten Runde verloren. Aber ich wollte nicht aufgeben. Ich trainierte zwar ohne Anleitung, aber mein Fleiß mußte sich doch auszahlen, oder?
In dieser Zeit lernte ich dann einige Leute aus dem Vollkontakt kennen. Kämpfer, Trainer, Funktionäre. Einer hatte wohl Mitleid mit mir. Der Trainer der Kickboxstaffel Erding, Heinz Klupp, Exweltmeister, machte mir dann klar, daß Vollkontakt sich ganz grundsätzlich vom Leichtkontakt unterscheidet. Es ist nicht möglich, Vollkontaktwettkämpfe ohne spezielles Training zu bestreiten. Die Handtechniken sind wie beim normalen Boxen, das ich überhaupt nicht beherrschte, der Stand ist anders, die Techniken sind ganz anders. Es genügt nicht, am Sandsack die Schlaghärte zu steigern und Kondition zu haben. Nur beim Vollkontaktsparring unter qualifizierter Anleitung kann man sich auf diese Form des Wettbewerbes vorbereiten.
1986 habe ich dann eine schöpferische Pause eingelegt. Ich habe weiterhin Taekwon-Do und Leichtkontakt-Kickboxen trainiert und im Taekwon-Do die Prüfung zum roten Gürtel, dem höchsten Schülergrad, abgelegt.
1987 habe ich mich dann entschieden, um jeden Preis im Vollkontakt erfolgreich zu sein. Dazu mußte ich auch dementsprechend trainieren, so daß ich zwei mal in der Woche nach Erding fuhr. Dort hatte Heinz Klupp seine Schule, die Kickboxstaffel Erding.
Diese bedeutete zwar jedesmal 100 Kilometer Fahrt für mich, aber das war ein ernsthafter Verein, in dessen Reihen sich Bayerische und Deutsche Meister befanden.
Dort habe ich ein harte Schule durchgemacht. Da in meiner Gewichtsklasse (bis 81 Kilogramm) wenig Kämpfer waren, hatte ich meistens den gleichen Sparringspartner. Diese war als eisenharter Kämpfer bekannt. Er war bayerischer Meister im Vollkontaktkickboxen und bayerischer Vizemeister im Amateurboxen. Im Wettkampf würde eine solche Paarung nie zugelassen werden. Durch diese Schule war es mir aber erstmals möglich, einen Vollkontaktkampf durchzustehen und auch zu gewinnen. Ganz entscheidende Lernerfahrung war für mich , den Schmerz, den ein harter Treffer verursacht, zu ignorieren. Die Fähigkeit, Treffer zu ertragen, wurde von den Erdinger Kämpfern meisterhaft beherrscht.
Sie ist an sich leicht zu erlernen. Da man beim Sparring mit einem überlegenen Gegner oft hart getroffen wird, hat man zwei Möglichkeiten. Man erträgt es, oder man wirft die ganze Sache hin. Ich habe mich für die erste Möglichkeit entschieden. Besonders lehrreich waren hier die Übungskämpfe mit Klaus O s t e r r i e d e r, der bei der Weltmeisterschaft 1987 den dritten Platz im Superschwergewicht (ca 100 Kilogramm) belegte.
Mein damaliger Trainer, Heinz Klupp, hat einmal gesagt, daß er beim Sparring mit einem Schüler niemals Schmerzen zeigen würde. Eher würde er sterben. Ich glaube ihm das. Wenn ich an Vollkontaktkämpfe denke, habe ich immer das Bild vor mit, wie ein Kopf nach einem harten Treffer ein Stück zurückgeschleudert wird, wieder nach vorne federt und der Kämpfer unbeeindruckt mit erhobenen Fäusten den Gegner weiter bedrängt und vorgeht.
Im Juli 1987 habe ich dann im Taekwon-Do, das ich weiterhin übte, den Schwarzen Gürtel erhalten. Kurz danach erhielt ich von Geert Lemens, dessen Reputation im Kickboxen untadelig ist, auch den schwarzen Gürtel im Kickboxen.
Zu dieser Zeit hatte ich für Leichtkontaktkämpfer nur noch ein Grinsen übrig. Ein schöner Sport, aber kein Kampf, Ab und Zu fragte ich in meiner Münchener Taekwon-Do Schule, ob denn niemand bereit wäre, mit mir Vollkontaktsparring zu machen. Es fand sich niemand.
1988 und 1989 habe ich dann mit unterschiedlichem Erfolg an Vollkontaktwettkämpfen teilgenommen, in beiden Jahren war mein bestes Ergebnis der zweite Platz auf den Südbayerischen Meisterschaft. Dazu muß man aber wissen, daß das Niveau in Bayern im Vollkontaktkickboxen sehr hoch war. Der bayerische Meister war sehr oft auch deutscher Meister. 1989 hatte ich sogar einen Sieg durch Abbruch, das heißt, der Betreuer des gegnerischen Kämpfers warf das Handtuch, um einen K. 0. zu verhindern. In dieser Zeit war ich der stärkste Münchner Vollkontaktkämpfer, da mir auf den Turnieren nie ein anderer Münchner begegnete.
Dennoch war ich nicht ganz zufrieden mit mir. Ich zweifelte immer noch an meiner Fähigkeit, mich verteidigen zu können. Sport ist kein echter Kampf, das war mir klar. Aber was sollte ich machen. Irgendwie hatte ich mein Ziel im Vollkontakt erreicht. Ich war nicht der Beste, aber konkurrenzfähig, so gut wie die anderen. Sicher hätte ich mich noch weiter nach oben kämpfen können, aber das wäre nur "mehr vom Gleichen" gewesen, ich suchte ja eigentlich etwas anderes, wenn ich auch noch nicht wußte, das sein sollte. In den Actionfilmen verwendeten die Helden Techniken, die mir durchgehend bekannt waren.
In dieser Zeit hatte ich öfter einen Traum. Dort kämpfte ich in einer Discothek. Obwohl ich oft den anderen traf und er mich nie, ging er nicht zu Boden. Meine Schläge zeigten keine Wirkung. Da hörten wir zu kämpfen auf und er gab zu, daß ich der Bessere wäre.
Das entspricht auch der Erfahrung aus meinen Wettkämpfen. Selbst wenn ich einen Volltreffer anbrachte, gingen meine Gegner nicht zu Boden, Dazu muß man wissen, daß ich meine Schlagkraft intensiv übte. Ich hatte damals den zweiten Dan im Taekwon-Do, habe beeindruckende Bruchtests durchgeführt. Kaum jemand konnte am Sandsack so hart schlagen wie ich. Aber ein Gegner, der sich bewegt, ist doch etwas anderes. Anscheinend lassen sich die Nehmerfähigkeiten besser entwickeln als die Schlagkraft, zumindest wenn man das Kämpfen mit Schutzausrüstung betrachtet. Außerdem muß man berücksichtigen, daß ein erfahrener Kämpfer in der Lage ist, selbst starken Treffern durch geringfügige Meidbewegungen die Wirkung zu nehmen. Er ist kein ruhendes Ziel, daß sich mit Maximaler Kraft treffen läßt, es ist schwer, überhaupt zu treffen, und noch schwerer, dann Wirkung zu erzielen.
Zudem war ich unzufrieden mit meiner Kampfkraft, weil mir klar war, daß ein, wenn auch sehr harter, Wettkampfsport mit Regeln in der Selbstverteidigung Lücken aufweist, wenn es darum geht, mit regelwidrigen und daher ungewohnten Angriffen umzugehen. Auf einem Turnier hatte ich einen Gegner, der mir ständig in den Unterleib trat. Trotz Tiefschutz tat es mir weh, aber ich war nicht in der Lage, diesen Angriff abzuwehren. Nach mehreren Ermahnungen des Kampfrichters hörte er dann damit auf, aber diese Erfahrung hat mein Selbstvertrauen nicht gerade gestärkt. Daher war ich immer noch auf der Suche nach dem idealen System für mich. Gerüchteweise wußte ich, daß es verschiedene Kung-Fu Systeme gab, wo all das im Kickboxen Verbotene geübt wurde. So jemand wäre ein gefährlicher Gegner, denn ich konnte nur oberhalb der Gürtellinie treten und Boxen, und dementsprechend auch nur mit solchen Angriffen umgehen.
Mitte 1989, hatte in München eine neue Kampfkunstschule eröffnet. Dort wurde Thai- und Kickboxen gelehrt, zumindest dem Namen nach. Es hieß, daß der bekannte Thai- und Kickboxchampion Branco Cizatic dort Trainer werden sollte. Die Regeln im Thaiboxen erlauben mehr Techniken als im Kickboxen, z. B. gibt es dort Tritte unterhalb der Gürtellinie, Schläge mit Ellbogen und Knie, Nahkampf mit Umklammern und auch Würfe. Dazu noch ein guter Trainer, das wäre schon ein Sache gewesen. Leider erhielt der Kroate keine Arbeitserlaubnis für Deutschland. Dennoch hatte ich die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Ich habe gefragt, ob es wohl sinnvoll wäre, die Techniken des Thaiboxens in Eigenarbeit zu erlernen. Er sagte ganz klar, daß das vollkommen sinnlos wäre. Ohne qualifizierte Anleitung, nur durch rumprobieren, läßt sich nichts Vernünftiges erlernen.
Hier möchte ich eine kleine Anekdote anbringen. Im Thaiboxen wird der Lowkick, ein Tritt mit dem Schienbein auf den Oberschenkel des Gegners, gern und oft gemacht. Da dieser Tritt oft mit dem eigenen Schienbein abgewehrt wird, sind abgehärtete Schienbeine unerläßlich. Ich dachte, es gäbe spezielle Trainingsmethoden dafür und fragte einen der Schüler von Branco Cizatic, wie das bei ihm gemacht wurde. Die Antwort ist verblüffend einfach. Beim Sparring mit Branco schlägt dieser harte Lowkicks. Entweder, man wehrt mit dem Schienbein ab, oder man wird am Oberschenkel getroffen. Wer aufgrund der Schmerzen nicht mehr weitermachen kann, hört eben auf. Da dies in jedem Sparring sich so verhält, findet eine natürliche Auslese statt. Manche hören dann eben für immer auf. Auch eine Trainingsmethode, wenngleich die Bezeichnung Methode nicht ganz zutrifft. Es ist eher eine Auslese. Mit Kampfkunst, so wie ich sie mir vorstellte, hatte das aber nichts zu tun. Ich dachte, es müßte doch möglich sein, durch intelligente Technik elegant den Angreifer zu besiegen.
Zu dieser Zeit fiel mit im Karatejournal die Anzeige für das Buch "Vom Zweikampf" von Sifu Kernspecht auf. Ich hatte schon öfter die mir damals übertreiben erscheinenden Artikel der Wing / Tsun-Leute gelesen, und sie nicht ernst genommen. Wenn man die Werbung liest, ist jeder unbesiegbar. Ein Buch, das sich ganz allgemein mit Zweikampf beschäftigte, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich hatte mir von einer Schweizer Firma für Söldnerausrüstung schon mehrere englischsprachige Bücher über militärischen Nahkampf besorgt und wollte nun sehen, was der Wing / Tsun-Europacheftrainer schreibt.
Das Buch war hervorragend, ich habe es an einem Tag ganz gelesen. Ich mußte jetzt unbedingt Wing Tsun erlernen. Da ich der Meinung war, daß in München keine Schule existierte, habe ich mich für die Vollzeitausbiidung interessiert. Zusammen mit der Antwort erhielt ich eine Ausgabe der Wing / Tsun-Welt 1989. Dort war die Münchner Gruppe von Klaus Reitmeier aufgeführt. Beim ersten Training dort wurde ich von Wolfgang Müller in das Wing / Tsun eingeführt. Ich war begeistert. Kurz danach fand bei Heidelberg ein Wing / Tsun-Lehrgang mit Sifu Kernspecht und anderen hochrangigen Ausbildern statt. Die Münchner Wing / Tsun-Ausbilder waren noch Schülergrade und nicht in der Lage, mir Meisterschaft im Wing / Tsun zu demonstrieren. Das war auch in Ordnung, ich wollte ja Wing / Tsun, von dem ich absolut überzeugt war, erlernen, ich brauchte keine Beweise, das theoretische Konzept hatte mich überzeugt. Auf diesem Lehrgang wurde mit gezeigt, was die Aussage der Wing / Tsun-Lehrer, ein Wettkampfsport läßt sich nicht mit einer realistischen Selbstverteidigung vergleichen, bedeutet.
Ich war absolut wehrlos. Ich stand da, ich bewegte meine Hände, ich lag am Boden. Ich versuchte einen Fauststoß, ich spürte fremde Hände an meinen Kopf, ich lag am Boden. Was war das? Alles, was ich gelernt hatte, war nichts wert. Endlos Gymnastik, Kraft- und Konditionstraining, Sparring, Sandsacktraining, Millionen von Techniken in der Luft geübt, alles umsonst.
Geblieben ist mir aber mein Ehrgeiz. In den ersten paar Monaten habe ich ganz normal in der Schule geübt. Durch Hin- und Herfahren zu den anderen Gruppen von Klaus Reitmeier konnte ich drei bis viermal in der Woche trainieren, außerdem habe ich zuhause Wing / Tsun geübt, soweit es möglich war. Nachdem ich auf die Möglichkeit von Privatunterricht aufmerksam gemacht wurde, erkannte ich sehr schnell, daß dies die Methode war, die schnellen Fortschritte zu machen, die ich mir wünschte. Ich übte mehr und intensiver als alle anderen Schüler, die ich kannte. Ich fuhr ständig auf Lehrgänge.
Wie sehr bereute ich, meine Zeit mit anderen Kampfmethoden verschwendet zu haben. Andererseits kann ich mir keinen Vorwurf machen, ich wußte nichts von Wing / Tsun und habe nach meinem Wissen das damals Beste aus der Situation gemacht. Wenn ich an meine Taekwon-Do Zeit denke, habe ich immer die Ranghöheren bewundert und wollte so gut sein wie sie. Die waren sicher fast unbesiegbar, ich war ja noch ein Schüler. Wenn ich nur fleissig genug trainiere, was ich wirklich tat, werde ich mein Ziel der sicheren Selbstverteidigung im Strassenkampf erreichen. Als Schüler denkt man oft, es kommt noch etwas ganz besonders tolles, wenn man erst den schwarzen Gürtel erreicht hat. Aber es kommt weder im Taekwon-Do noch im Kickboxen etwas. Immer nur mehr vom Gleichen. Wenn dann die Jahre so vergehen, und man selbst zum Meister wird, erst dann merkt man, daß die eigenen Erwartung niemals erfüllt werden. Es ist ein Problem der Qualität, nicht der Quantität. Auch durch noch so intensives Training kann man die Grenzen nicht überschreiten. Weder im Kickboxen noch viel weniger im Taekwon-Do erlernt man realistische Selbstverteidigung, es sind Sportarten für Wettkämpfe nach ihren jeweiligen Regeln ohne Bezug zum Strassenkampf. Am Anfang kann man das aber nicht wissen, im Regelfall vertraut man einfach seinem Meister oder Trainer.
Nun aber holte ich das auf, was mir fehlte. Am 15.5.89 machte ich die Prüfung zum ersten Schülergrad, am 12.Dezember 1990 wurde ich Übungsleiter, im Februar 1990 eröffnete ich meine erste Schule in Erding, am 24.11.91 wurde ich erster Lehrergrad, am 24.11.93 zweiter Lehrergrad. Seit 2.12.1994 bin ich Sifu des Wing / Tsun. Seit 26. April 2003 bin ich 3. Lehrergrad des Wing / Tsun.
Meine Blitzkarriere in Bezug auf die offiziellen Graduierungen wurde unterbrochen, als mir die ersten UFC-Videos in die Hände fielen. Es handelt sich dabei um diese Turniere, die im Käfig stattfinden. Am Anfang war ausser Tiefschlägen, in die Augen stechen und Beissen alles erlaubt. Also mir erschien das schon sehr realistisch. Leider sah das etwas anders aus als das, was mir von meinen Wing / Tsun Lehrern als realistische Selbstverteidigung gezeigt wurde. Kann es denn so schwer sein, realistische Selbstverteidigung zu erlernen? Findet man wirklich keinen Stil, der diese Anforderung erfüllt? Theoretisch gab es zwar Bodenkampf imWing / Tsun, aber das waren angeblich Techniken, die man erst später erlernen würde. Damals sage man zu mir, das wäre ein Teil der Holzpuppentechniken, die ich erst in ein paar Jahren erlernen könnte. In dem Verband, in dem ich damals Mitglied war, werden bestimmte sogenannte “fortgeschrittene” Techniken erst nach Ablegung bestimmter Prüfungen und nach Einhaltung von sehr langen Wartezeiten unterrichtet. Aber ich hatte die Schnauze voll vom Warten. Ich wollte realistische Selbstverteidigung lernen, und zwar am besten seit gestern. Ich wollt genau so kämpfen können wie die Kämpfer in diesen Turnieren. Sehr oft gingen die Kämpfer zu Boden, es ging sofort weiter und der Kampf wurde mit einem Hebel oder einer Würgetechnik beendet. Davon hatte ich überhaupt keine Ahnung. Ich habe dann sofort eine sehr einfache Technik, den Armstreckhebel (damit kann man den Arm des Gegners brechen) geübt und an meinen Schülern ausprobiert. Es hat immer geklappt. Da war wohl was dran, am Bodenkampf. Deshalb habe ich auch diesen erlernt, und er ist jetzt Teil meines Unterrichts.
Am 23.6.2004, nach 15 Jahren, habe ich die Mitgliedschaft in diesem Verband, der E W T O, beendet. In manchen Foren nennt man diesen Verband auch GBV.
Gründe gab es mehr als genug.. Es war für mich unakzeptabel, dass ich mit 24 Jahren Kampfkunsterfahrung noch nicht einmal die Prüfung zum 2. Schülergrad abnehmen kann, aber die zum 11. Schülergrad schon. Die strengen Regeln des Verbandes von Sifu Keith R. Kernspecht, was ich zu unterrichten hatte und vor allem, was ich nicht zeigen darf, weil dies die sogenannten “fortgeschrittenen” Techniken nur für Lehrer sind, behinderten den Lernfortschritt meiner Schüler erheblich.
Ich nehme meinen Beruf als Ausbilder für Wing / Tsun (in welcher Schreibweise auch immer) ernst und kann nur ehrlich unterrichten. Etwas nicht zu zeigen, nur weil es ein höheres Programm ist, fiel mir schon immer sehr schwer und immer schwerer. Ich habe nicht viele Schüler und möchte diese optimal ausbilden, ohne auf irgendwelche Verbandsregeln, die das Lernen nur behindern, Rücksicht nehmen zu müssen. Je besser meine Schüler sind, desto mehr werde ich gefordert und kann mich selbst auch beim Unterrichten weiterentwickeln.
Alle meine Schüler haben diesen Schritt sehr begüsst. Die Mitgliedschaft in dem Verband und die zwingend vorgeschriebene Teilnahme an Prüfungslehrgängen waren ihr Geld nicht wert. Nun kann ich realistische Selbstverteidigung und geschmeidige Bewegungskunst ohne jede Einschränkung von aussen unterrichten.
Obwohl ich nicht unbesiegbar bin, bin ich doch zufrieden mit meiner Fähigkeit, mich zu verteidigen. Trotzdem trainiere ich selbst noch immer mehr als auch der Fleissigste meiner Schüler, denn es macht mir nach wie vor Freude. Freude ist aber das falsche Wort, es ist eher eine sehr befriedigende Art des Daseins. Mehr dazu hier.
Es war ein langer Weg, ich bin manche Irrwege gegangen, aber niemals habe ich mein Ziel aus den Augen verloren oder aufgegeben.
Ich bin allen meinen Lehrern dankbar, jeder hat mich ein Stück weitergebracht. Es war leider keiner einziger dabei, von dem ich das lernen konnte, was ich gerne gelernt hätte. Realistische Selbstverteidigung und geschmeidige Bewegungskunst, die Fähigkeit, einen körperlich überlegenen Angreifer mühelos zu besiegen. Die Mühe hatte man vorher beim Training, die Demonstration der Kunst wirkt dann mühelos. Obwohl das Wing / Tsun dem schon sehr nahe kam, musste ich doch noch Veränderungen vornehmen, um mein Ziel zu erreichen.
5 Strategien der Selbstverteidigung
Vor dem Auftreten einer bedrohlichen Situation kommt das sogenannte: „Target Hardening“. Machen sie sich zu einem Hartem Ziel, wie ein Panzer oder eine Festung. Durch umsichtiges Verhalten, Vermeiden von Gefahren, selbstbewusstes Auftreten, reagieren auf erste Warnhinweise usw. entstehen viele Situationen erst gar nicht. Lesen Sie dazu auch meine Sicherheitstipps für Fussgänger.
In einer Selbstverteidigungssituation gibt es im Wesentlichen FÜNF Strategien, die im Umgang mit einer Gefahr, die von Menschen ausgeht, vorhanden sind.
Fast jeder denkt beim Wort Selbstverteidigung nur an Kampf. Bei einem umfassenden Verständnis des Begriffes Selbstverteidigung im Sinne von Selbsterhaltung und Überleben um jeden Preis gibt es aber weit mehr Möglichkeiten, die Gefahr zu meistern. Es geht nicht ums Kämpfen, sondern ums möglichst unversehrt Überleben, auch von Personen, für die man verantwortlich ist.
1.Die erste Strategie ist Nachgeben. Manche Dinge sind es einfach nicht wert, dafür zu kämpfen. Z. B. „Hau ab du Depp“ Wenn ich durch Weggehen das Problem lösen kann, mache ich das eben.
2.Die zweite Strategie ist Flüchen. Davonlaufen so schnell wie nur möglich und so weit wie nur möglich, bis man zuverlässig in Sicherheit ist. Lieber ein paar Sekunden feige als ein Leben lang tot. Und (aus einem Mantel und Degen Film): Wer verliert und zieht von hinnen, kann ein anderes Mal gewinnen.
3.Die dritte Strategie ist Deeskalation. Man versucht (Im Regelfall) den Angreifer zu beruhigen, man spricht mit ihm, beschwichtigt ihn und so weiter. Man entschärft die Situation.
4.Die vierte Strategie nenne ich mal: „Schneid abkaufen“. Man macht dem Angreifer klar, dass er sich das falsche Opfer ausgesucht hat. Vorraussetzung dafür ist ein extrem selbstbewusstes und auch körpersprachlich glaubwürdiges Auftreten. Z. B. „Mit mir legst die besser net o“. Wurde von Ullrich Rauch schon mehrfach erfolgreich verwendet. Oder: „Wenn du ein Problem hast, können wir gleich rausgehen auf den Parkplatz und die Sache klären“.
5.Die fünfte Strategie erst ist Kämpfen. Sie ist nur eine der Strategien, aber die Schlüsselfähigkeit, um die anderen 4 Strategien erfolgreich einsetzen zu können. Je sicherer ich bin, den tatsächlichen Kampf zu gewinnen, desto ruhiger und selbstsicherer bin ich, desto besser kann ich überlegen, und andere Strategien in Betracht ziehen.
Selbstverteidigung muss umfassend verstanden werden. Sie beginnt mit allgemeiner Wachsamkeit und Vorsicht , Target Hardening, geht über die Kenntnis und Benutzung der Farben für den Zustand meiner Aufmerksamkeit bis zu den 5 Strategien der Selbstverteidigung. Kämpfen ist erst das letzte Mittel, wenn alles andere versagt hat. Dennoch ist die Fähigkeit, sich durch den Einsatz von Gewalt zu verteidigen, der Schlüsselfaktor.
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