|
In den siebziger Jahren kam Bruce Lee in die Kinos. An einem Wochenende in München sah ich an allen S-Bahn Stationen seine Plakate und fragte mich, was er wohl trainiert haben mag. Mit 16 Jahren hatten mir meine Eltern endlich erlaubt, Selbstverteidigung im Verein zu erlernen. Damals gab es nur die BUDO- Sportarten ( Judo, Karate Ju-Jutsu; Kempo und Taekwon Do). Wing Tsun kannte niemand. Ich begann Judo zu trainieren und probierte weitere Kampfsportarten mit mehr oder weniger großem Erfolg aus. Mir fehlte bei diesen Sportarten allerdings der richtige Biss. Oft fragte ich mich, ob ich mich in einer Gefahrensituation tatsächlich auf das Erlernte verlassen könnte. Manche Techniken erschienen mir sinnvoll, aber vieles war meines Erachtens zu gekünstelt, allenfalls geeignet für Vorführungen.
Eines Tages kamen ehemalige Trainingskollegen ins Training und erzählten begeistert, dass sie etwas „ganz Tolles“ gefunden hätten: Wing- Tsun in Augsburg. Es sei kein Verein, sondern eine Schule und koste 40 DM im Monat. Das war für mich als Schüler viel Geld, ich fuhr aber trotzdem mit meinen Freunden nach Augsburg, um mir ein eigenes Bild von Wing Tsun zu machen. Der Lehrer dort hatte damals den 12. Schülergrad im Wing-Tsun (WT) und den sechsten im Escrima (Stockkampf). Es war damals an dieser Schule üblich, gegen den Lehrer anzutreten, was mir ein mulmiges Gefühl bereitete. Wir trainierten aber kein Vollkontakt-Sparring, sondern leichten Kontakt, d.h. wir stoppten die Schläge kurz vorher, um den anderen nicht zu verletzen, bzw. damit ich nicht verletzt wurde. Wie das ausging? Na ja, nicht gut für mich, ich verlor haushoch. Die ersten Unterrichtsstunden waren für mich ein Eintauchen in eine andere Welt. Meine bisherigen Übungseinheiten hatten immer mit Aufwärmübungen begonnen, um danach die eigentlichen Trainingseinheiten, wie Fallschule und die einzelnen Techniken für die jeweiligen Prüfungen zu trainieren.
Hier machten wir „komische“ Bewegungen, die sich Siu Nim Tau nannte, die ich zunächst gar nicht zuordnen konnte, wusste jedoch von Demonstrationen meiner Freunde, dass diese Bewegungen sinnvolle Einstimmungen für das Lernen bedeuteten. Gerader Fauststoß, welcher nicht gerade bleibt, wenn er die Hand des Gegners trifft, sondern weich wird und „kleben“ bleibt, sich unmittelbar in einen Ellenbogenstoß verwandelt, den ich dann hautnah in meinem Gesicht hatte. Das war eine überraschende und beeindruckende Erfahrung. .Am Schluss des Trainings hatten wir noch eine Gymnastikeinheit (Paki), ähnlich der, wie sie jetzt im Training bei Sifu Kastl glehrt wird. Die Trainingsinhalte waren mit heutigen nicht zu vergleichen. Das Training beinhaltete immer Wing Tsun und Escrima. Wing_Tsun allein füllte damals das Training nicht aus. Die erste Schülerprüfung im Wing-Tsun bestand aus den ersten drei Sätzen Siu- Nim Tau, soweit ich das noch in Erinnerung habe. Der zweite Schülergrad wurde für die gesamte Siu- Nim Tau vergeben. Es gab auch noch viele „geheime Techniken“, von denen heute schon etliche jüngeren Schülergraden zugänglich gemacht werden. Damals sah ich keine Chum-Kiu Form, Messerabwehr oder dergleichen .Dies war höheren Schülergraden vorbehalten.
Im Escrima übten wir für die erste Schülerprüfung Schlag eins, Schlag drei und Schlag drei tief, jeweils mit Abwehr. Die zweite Schülerprüfung enthielt Schlag zwei, vier und vier tief, ebenfalls mit Abwehr.
Für meine erste Schülergradprüfung im Wing-Tsun musste ich auf einen Lehrgang nach Nürnberg fahren. Dort waren wir in einer kleinen Turnhalle versammelt und es wurde uns von den Lehrern, ich glaube dass es der Fauststoß war, gezeigt, den wir mit Pak-Sau abwehren sollten . Wir übten also, bis jeder Einzelne zur Prüfung aufgerufen wurde, ich kam mir vor wie bei einer mündlichen Abschlussprüfung, mit Lampenfieber und allem was dazugehört.
Der Prüfer Keith R. Kernspecht saß hinter einem Tisch am Rande der Halle. Wir Prüflinge wurden einzeln aufgerufen, mussten uns vor ihm aufstellen und ihm das Prüfungsprogramm zeigen. In meinem Fall die ersten drei Sätze der Siu- Nim Tau. Meine Vorführung hatte ihm nicht gefallen. Also musste ich, wie manch anderer, in den Keller gehen und nochmals die drei Sätze üben. Danach wollte er es noch einmal sehen. So kam ich am 23.11.1980 zu meinem ersten Schülergrad im Wing-Tsun.
Es gab damals noch sehr wenig Wing-Tsun Schulen. Als ich kurze Zeit später wegzog, musste ich meine Ausbildung unterbrechen.
Es sollten 16 Jahre vergehen, bis ich zufällig 1996 das „Buch vom Zweikampf“ von Keith Kernspecht, bei meinem Bruder entdeckte. Das Buch hatte mich so begeistert, dass meine alte Leidenschaft für Wing Tsun wieder entflammte und ich mich auf die Suche nach einer Wing-Tsun Schule in meiner Nähe machte.
Im Frühjahr 1997 fand ich eine Schule in Wasserburg, welche mir zusagte, dort konnte ich bei Sifu Erwin Kastl Wing-Tsun erlernen. Bis zum 12 ten Schülergrad dauerte es bei mir etwas länger, da ich beruflich und familiär zu sehr eingespannt war und nicht durchgehend Energie und Zeit für kontinuierliches Training aufbringen konnte.
Damals war Sifu Erwin Kastl noch Mitglied in der EWTO. Somit wurde ihm das Korsett des Verbandes auferlegt. So musste ich immer wieder auf Lehrgänge fahren, um Prüfungen ablegen zu können. Das war zum einen umständlich und zeitraubend und meiner Meinung nach auch sehr kommerziell ausgelegt. Der erste Technikergrad wäre für mich nicht in Frage gekommen, hätte ich die Prüfungsmodalitäten des Verbandes durchlaufen müssen, wie z.B. teure und weite Anfahrten zu den Lehrgängen. Meine Ausbildung wäre so nach dem 12 ten Schülergrad beendet gewesen.
Erst nachdem sich Sifu Erwin Kastl entschlossen hatte, nicht mehr dem Verband anzugehören, hatte sich für mich die Möglichkeit eröffnet, die erste Technikerprüfung anzustreben. Ich konnte mich nun bei ihm im Training und im Privatunterricht auf die Prüfung in aller Ruhe in meinem Tempo und wie es meinen Lebensumständen entsprach, vorbereiten.
Das Training bei ihm ist nach wie vor sehr abwechslungsreich. Immer wieder zeigt er etwas Neues, da er sich nicht mehr an die Vorgaben seines ehemaligen Verbandes halten muss. So hat er die einzelnen Schülergrade umgestellt und den Bedürfnissen realistischer Selbstverteidigung angepasst .Er zeigt von Anfang an, was wirklich gut funktioniert, ohne den unteren Schülergraden nur zu zeigen was „ein bisschen klappt“ und die bessere Technik den höheren Schülergraden vorzubehalten. Seit ich überhaupt Selbstverteidigung erlerne, habe ich schon eine Menge mitbekommen, habe mich aber noch nie so wohl gefühlt wie bei meinem Sifu Erwin Kastl.
Was mir persöhnlich besonders gut im Wing-Tsun gefällt, ist das Chi-Sao, „klebende Hände“. Da Sifu Erwin Kastl auch die einzelnen Chi-Sao Sektionen auf den neuesten Stand gebracht hat, bereitet es sehr viel Spaß, die einzelnen und sehr effektiven Sequenzen mit meinen Trainingspartnern zu üben.
Sifu Erwin Kastl liegt sehr daran, dass seine Schüler etwas lernen. Er nimmt, wie oben beschrieben, Prüfungselemente, die früher höheren Schülergraden vorbehalten waren, wie. z. B. die Messerabwehr, in die zweite Schülergradprüfung hinein, da die Wahrscheinlichkeit immer größer wird, sich gegen ein Messer verteidigen zu müssen. „Je früher die Technik erlernt wird, desto länger kann sie trainiert werden, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit die Technik im Fall der Fälle, effektiv anwenden zu können.“
Die Ernsthaftigkeit und Sorgfalt die Sifu Erwin Kastl in den Aufbau und Gestaltung des Trainings legt, hat mir deutlich mehr Sicherheit gegeben, das Erlernte in einer Gefahrensituation präsent zu haben und reagieren zu können.
Für mich ist Wing-Tsun mehr als nur Selbstverteidigung, ich werde auch nie ein großer Kämpfer sein, dazu trainiere ich zu wenig. So wie Andere Sudoko spielen, um das Gedächtnis zu trainieren, so übe ich Chi-Sao. Es ist schon faszinierend, wie auf Druck des Anderen reagiert werden kann, sicher auch im übertragenen Sinn. Das ist das, was mich am Wing-Tsun so beeindruckt.
Ich möchte mich bei meinen Sifu Erwin Kastl und meinen Trainingspartnern sehr herzlich bedanken. Ohne sie wären all die beeindruckenden Erfahrungen nicht möglich gewesen. |